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Markus Brönnimann Flötist

Persönliche Gedanken zu

musikalischen Themen

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Wie sollte ein gutes Konzertprogramm aufgebaut sein?

Ich mag Programme, die einen inneren Zusammenhang besitzen, bei denen sich ein gemeinsames Thema durch verschiedene Werke verfolgen lässt. Sehr bereichernd finde ich es auch, wenn Werke des 20. und 21. Jahrhunderts mit älterer Musik konfrontiert werden. Dieser Gegensatz eröffnet die Möglichkeit, die alten Werke mit neuen Ohren und die Neue Musik mit alten Ohren zu hören. Ich versuche in jedem Konzertprogramm mindestens ein Werk des späten 20. oder des 21. Jahrhunderts zu spielen. Es scheint mir wichtig, dass Musik nicht nur aus einem kulinarischen Blickwinkel wahrgenommen wird, sondern auch Ausdruck unser heutigen Zeit ist. Die Musik, die von unserem heutigen Befinden spricht, ist die Musik der Jetztzeit. Sich mit dem musikalischen Jetzt zu befassen, ist lohnend, oft jedoch auch unbequem und manchmal bleibt man einfach nur ratlos zurück. Gerne programmiere ich auch Aussenseiter, Komponisten, die aus irgend einem Grund nicht die Beachtung erhalten, die sie verdienten. Dazu rechne ich beispielsweise Joseph Martin Kraus, Wilhelm Stenhammar oder Erwin Schulhoff. Letztlich muss ein Programm aber so angelegt sein, dass auch ein Hörer, der sich nicht für geschichtliche und aussermusikalische Zusammenhänge interessiert, eine abwechslungsreiche Mischung guter Musik geboten bekommt.

Was ist der Sinn von Arrangements und was macht die Faszination dieser

Tätigkeit aus?

Arrangieren ist eine kreative Tätigkeit mit Musik, die für einmal ohne Instrument auskommt und deren Resultat man schwarz auf weiss und dauerhaft vor sich sieht. Auslöser für diese Arbeit war meine Mitwirkung im Ensemble Pyramide. Die ungewöhnliche Besetzung dieses Sextetts hatte zur Folge, dass es kaum Originalkompositionen für diese Besetzung gab (abgesehen von unseren vereinzelten Kompositionsaufträgen). So wuchs der Wunsch, das Repertoire des Ensembles zu erweitern mit wertvollen Stücken, die den Klang dieser Besetzung sozusagen schon in sich tragen. Beim Arrangieren habe ich sehr viel über die einzelnen Instrumente gelernt, was mir nun ständig zugute kommt. Man kann das Instrumentieren als eine technische Übung verstehen, bei der ein gewisser Erfolg garantiert ist, wenn man auf der Grundlage einer gelungenen Komposition aufbaut. Man ist nicht gezwungen, jede Entscheidung selbst zu treffen wie beim Komponieren und die Anstrengung wird dadurch belohnt, dass man etwas geschaffen hat, wofür Bedarf besteht. Einige Bearbeitungen haben wir mit dem Ensemble Pyramide immer wieder im Konzert gespielt - es ist sehr erfreulich, dass eine Studie so viel praktischen Nutzen haben kann. Als Flötist bin ich mir der Grenzen meines Repertoires bewusst und freue mich „diebisch“ über jede Gelegenheit, es um ein wertvolles Stück zu bereichern. Auf diese Weise bin ich auch ein enger Vertrauter vieler älterer Komponisten geworden; es fasziniert mich immer wieder, wie nahe man dem Denken eines längst verstorbenen Komponisten kommen kann, wenn man eines seiner Stücke Ton für Ton in ein anderes Medium überträgt. Was mich allerdings öfters ärgert, ist das Naserümpfen, das man von „seriösen“ Musikern und Konzertveranstaltern erfährt, wenn das Wort Bearbeitung fällt. Für mich ist Arrangieren ein lebendiger und kreativer Umgang mit der Musikgeschichte, der beweist, dass uns diese Stücke nach wie vor etwas zu sagen haben.

Ist das Komponieren die natürliche und konsequente Fortsetzung der

Arrangeurtätigkeit?

Die Herausforderung beim Komponieren ist deutlich grösser als beim Arrangieren. Vor einem weissen Blatt Papier zu sitzen und aus dem Nichts ein Stück zu erschaffen, das ist eine Situation, die einem wirklich Angst machen kann. Andererseits findet sich ein klassischer Musiker in der unnatürlichen Situation wieder, dass er seit seinen Anfängen nur Musik spielt, die sich andere ausgedacht und aufgeschrieben haben. Meistens waren das die Titanen der Vergangenheit, die die Latte entsprechend hoch gelegt haben. Nichtsdestotrotz finde ich es sehr wertvoll, sich einmal zu fragen: „Wie klingt eigentlich meine eigene Musik? Gibt es so etwas überhaupt?“ Man sollte seine ersten Kompositionsversuche nicht gerade an Beethoven messen, aber das bedeutet nicht, dass schon alles gesagt wurde. Wir leben auch in der Musik in einer Welt der Spezialisierung: Interpret, Komponist, Musikwissenschaftler sind sehr klar getrennte Berufe. Ich träume von vergangenen Zeiten, in denen jeder gute Musiker in der Lage war, ein einfaches Stück zu komponieren. Heute gibt es nur noch wenige Interpreten, die sich dieser doppelten Herausforderung stellen - ihnen gilt meine grosse Bewunderung. Seit ich ein paar eigene Stücke geschrieben habe, lese ich aber auch die Stücke anderer Komponisten jeder Epoche mit anderen Augen. Einerseits ist meine Achtung vor ihrer schöpferischen Kraft und ihrer unermesslichen Arbeit noch gestiegen, andererseits betrachte ich den Notentext aus einer frischen Perspektive. Ich habe erfahren, dass jede Niederschrift eines Stücks der unvollkommene Versuch ist, eine klingende Idee des Komponisten festzuhalten. Wenn man sich dies als Interpret vor Augen hält, beginnt man, viel stärker nach der Idee hinter den Noten zu suchen, als sich einfach mit dem korrekten Ausführen des Texts zufrieden zu geben.

Wie soll meine eigene Musik klingen? Was bedeutet es, zeitgenössische klassische

Musik zu schreiben?

Natürlich habe ich kompositorische Vorbilder - so Carl Philipp Emanuel Bach für die klaren, energiegeladenen Gesten oder Maurice Ravel für seine Fähigkeit, aus jeder instrumentalen Konstellation eine wunderbare Palette von Farben zu zaubern. An George Crumb oder György Kurtág beeindruckt mich ihre Offenheit und ihre Fähigkeit, Neue Musik zu schreiben, die direkt zum Hörer spricht. Die Interaktion der Instrumente und ihrer Spieler ist mir sehr wichtig - ich will ein musikalisches Gespräch kreieren. Das ist auch der Grund, weshalb Kammermusik meine bevorzugte Ausdrucksform ist. Musik, die eine abstrakte Idee umsetzt, ohne dass dies zu einem klanglich ansprechenden Resultat führt, mag ich nicht: die Musik muss eine sinnliche Qualität besitzen. Ich glaube im Übrigen nicht, dass man eine Musik schreiben kann, die unsere Zeit widerspiegelt, indem man auf alte, tonale Idiome zurückgreift. Die zeitgenössische klassische Musik befindet sich in einer schwierigen Lage. Sie hat den Kontakt zu breiten Teilen eines an Musik interessierten Publikums verloren. Initiativen, die versuchen, diesen Graben zu überwinden, sind sehr wertvoll. Ich denke da an kommentierte Konzerte und Einführungs- veranstaltungen, aber auch an Programme, die ältere und neue Musik kombinieren und so zeigen, dass sich zwar die Erscheinung der Musik verändert, ihre Kernaussagen aber oft ähnlich bleiben. Trotz aller Marginalisierung der zeitgenössischen Musik sollte jeder Komponist die Sprache verfolgen, die ihm entspricht und an die er glaubt. Wenn jemand auf den einfachen Publikumserfolg schielt, so wird das meist schnell offensichtlich.